Das Baltikum erleben - mit allen Sinnen
Unser Reiseleiter Steffen Klameth berichtet von seiner Reise durchs Baltikum, die vom 9. bis 18. Juni 2026 durch Litauen, Lettland und Estland führte.
Von der Kirchenpracht in Vilnius über die traditionellen Kibinai in Trakai und die beeindruckende Kurische Nehrung bis nach Riga und Tallinn nimmt er uns mit auf eine abwechslungsreiche Reise voller Geschichte, Kultur und kulinarischer Entdeckungen.
Zwischen mittelalterlichen Städten, weiten Dünen, grünen Nationalparks und der Ostseeküste zeigt sich das Baltikum als faszinierendes Reiseziel mit überraschender Vielfalt und ganz eigenem Charakter.
Tag 1 – Ankunft: So schmeckt das Baltikum
Eine Flasche Wasser, ein Mini-Täfelchen Schokolade: Auf kürzeren Lufthansa-Flügen wird man zumindest kulinarisch nicht gerade verwöhnt. Umso schöner, wenn das Abendessen nach der Ankunft schmeckt – und gleich noch auf die nächsten Tage einstimmt.
Im Hotel Green in Vilnius bekommen wir ein landestypisches Menü serviert: Als ersten Gang gibt es eine leckere kalte Rote-Bete-Suppe mit warmen Salzkartoffeln, zum Hauptgang ein Hühnchensteak im Schinkenmantel und zum Abschluss eine Napoleon-Torte. Danach sind alle satt. Und haben großen Appetit aufs Baltikum.
Tag 2 – Vilnius: Die Stadt der Kirchen
Rechts eine Kirche, links eine Kirche, dahinter gleich noch eine: „Man kann nur zeigen, was man hat”, sagt Stadtführerin Virginja und zuckt mit den Schultern. Man könnte das als Entschuldigung auffassen, aber in dem Satz klingt auch stolz mit: Sage und schreibe 40 Gotteshäuser gibt es in Vilnius, was auch deshalb bemerkenswert ist, weil die meisten davon in der Sowjetära anderen Zwecken dienten: als Gemäldegalerie, als Museum oder schlicht als Lager. Heute wird in den Kirchen wieder eifrig gebetet. Drei von vier Litauern sind Katholiken, weitere fünf Prozent - insbesondere Russen und Weißrussen - fühlen sich zum russisch-orthodoxen Glauben hingezogen.
Folgerichtig beginnt die Führung durch die litauische Hauptstadt mit einer Kirche. Und was für eine! Die Peter-und-Paul-Kirche ist ein barockes Meisterwerk, das nach dem Betreten auch jeden Ungläubigen ins Staunen versetzt. Wände, Säulen und Decken sind über und über mit weißem Stuck verziert. Mehr als 2.000 Figuren und Köpfe sollen es sein, und kein Motiv gleicht dem anderen. Ein Blickfang ganz anderer Art ist der Kronleuchter in Form eines Schiffes. Der kam aber erst 200 Jahre später dazu.
Das Kontrastprogramm folgt in der Heiliggeistkirche. In der wichtigsten russisch-orthodoxen Kirche wurde nicht mit Farbe gespart, zudem ist sie reich mit Stuck und Ikonen ausgestattet. Größte Attraktion ist die Krypta vorm Hauptaltar: Hier sind die Gebeine der Märtyrer Anton, Eustasius und Johannes aufgebahrt, die 1347 zu Tode gefoltert wurden. Unter einem Tuch schauen ihre Schuhe hervor. Wieder anders ist die Universitätskirche, sie hat gleich zehn Altäre und die größte Orgel des Landes.
Nach knapp vier Stunden ist der Stadtrundgang beendet. Naja, fast. Denn an der Kathedrale kommt man in Vilnius nicht vorbei. Sie beherbergt - in einem silbernen Sarg - die Reliquien des hl. Kasimir. Ein Bild zeigt ihn mit drei Armen - ob der litauische Nationalheilige tatsächlich damit ausgestattet war oder der Maler seinen Fauxpas zu spät bemerkte, darauf will sich Stadtführerin Virginja am Ende nicht festlegen.
Übrigens, Vilnius hat noch viel mehr als Kirchen zu bieten. Eine Altstadt (die zum Unesco-Welterbe zählt), die „Republik Uzupis” (das alternative Künstlerviertel hat sogar eine eigene Verfassung) und einen Burgberg (mit toller Aussicht in alle Himmelsrichtungen). Aber mehr schafft man dann doch nicht an einem Tag.
Tag 3 – Trakai: Ausbildung zum Kibin-Meister
Man nehme Weizenmehl, Salz, Butter und süße Sahne, vermenge alles mit Wasser und forme den Teig zu kleinen Kugeln: Fertig ist - nun ja, erst mal nur die Grundlage für die Kibinai. Den Rest sollen bitteschön die Touristen aus Deutschland erledigen. Aber was heißt hier sollen: Sie wollen es ja auch. Sie haben sich zu einem Backkurs der besonderen Art angemeldet und dafür sogar bezahlt.
Kibinai sind eine Spezialität der litauischen Küche. Gefüllte Teigtaschen in Form eines Halbmondes, die man so oder ähnlich auch in anderen Ländern kennt, in Polen als Piroggen und in Südamerika als Empanadas. In Litauen bekommt man Kibinai sogar im Supermarkt. Wer aber wählerisch ist, sollte sich auf den Weg nach Trakai machen. Das kleine Städtchen ist vor allem für seine Wasserburg bekannt; die Anlage diente den Großfürsten als Residenz und Wehranlage und wurde seit den 1950er-Jahren wieder so originalgetreu wie möglich rekonstruiert. Zu den ausgestellten Gegenständen gehören unter anderem eine Uhr und ein Tafelgeschirr aus Meissener Porzellan.
Den Titel als Hauptstadt von Litauen hat Trakai längst verloren. Stattdessen darf man es heute getrost als Hauptstadt der Kibinai bezeichnen. So gut wie jedes Restaurant und jedes Café hat die Teigtaschen im Angebot. Und manche laden die Besucher auch zum Mitbacken ein. So wie die “Alte Kibinine”, wo die Teilnehmer von sz-Reisen zunächst einen kurzen Film vorgeführt bekommen. Er erzählt davon, wie die Kibinai nach Trakai kamen - und zwar mit den Karäern, auch Karaiten genannt. Die jüdische Religionsgemeinschaft hatte Ende des 14. Jahrhunderts die Krim verlassen und war dem Ruf an den Hof der litauischen Herrscher gefolgt. Die Karäer galten als gute Handwerker, versierte Händler und geschickte Gemüsebauern. Heute sind sie in alle Welt verstreut; in Litauen pflegen noch etwa 200 Menschen die alten Traditionen und die eigene Sprache, in Trakai selbst noch etwa 60. Wir treffen keine, bewundern aber die bunten Karäer-Häuser aus Holz, die an der Giebelseite drei Fenster haben - je eins für den Hausherrn, den Fürsten und für Gott.
Genug der Theorie, nun geht es ans Werk. Schürze umbinden, Netzhaube aufsetzen, Teig ausrollen. Das gelingt den einen besser, den anderen schlechter. Lusia, die Chefköchin, sieht sofort, wo jemand Hilfe braucht. Dann kommt sie schon mit der Füllung: saftiges Schweinehack mit Zwiebeln und Kräutern. Karäer würden das übrigens nicht anrühren, weil sie Schweinefleisch ablehnen. Sie bevorzugen Lamm oder Gemüse. Es gibt aber auch Füllungen mit Rind, Quark, Spinat, Pilzen…
Der Teig wird einmal gefaltet und mit Daumen und Zeigefinger zusammengedrückt. Klingt simpel, braucht aber durchaus Geschick, wenn die Kibinai nicht nur dicht bleiben, sondern am Ende auch so kunstvoll aussehen sollen wie das Modell, das Lusia vorbereitet hat. Schließlich sammelt die Köchin alle Teigtaschen auf einem Blech, bepinselt sie in der Küche mit verquirltem Ei und schiebt sie in den Ofen. Während das Backwerk 20 Minuten lang bei 180 Grad brutzelt, bekommen die Hobbyköche schon mal eine Kostprobe von den Profis. Danach werden die selbstgemachten Kibinai serviert. Und wie schmecken sie im Vergleich zu den anderen? „Genauso gut”, sagt eine Frau und korrigiert sich sofort: „Ach was, besser!” Zu guter Letzt bekommen alle noch ein Zertifikat überreicht. Die Besitzer dürfen sich von nun an „mit Fug und Recht Kibin-Herstellungsmeister nennen.”
Tag 4 - Kurische Nehrung: Sahara an der Ostsee
In Litauen sagt man, dass auf drei Einwohner ein Beamter kommt. Außer in Nida: Da kommen auf einen Einwohner drei Beamte. Das Auge des Gesetzes wacht in dem Kurort - wie überall auf der Kurischen Nehrung – über alles und jeden. Das Befahren von Straßen, die Geschwindigkeit, das Parken - alles ist strengstens reglementiert. Man darf keinen Lärm machen und keinen Abfall hinterlassen, nicht jagen und nichts pflücken, kein Feuer machen - und vor allen Dingen nicht vom Wege abkommen. Wer erwischt wird, darf mit deftigen Bußgeldern rechnen. Und dass man erwischt wird, ist sehr wahrscheinlich - siehe oben.
Die harten Bandagen haben einen guten Grund. Die Kurische Nehrung ist ein ganz besonderes Stück Erde. Eine 98 Kilometer lange Landzunge, an der schmalsten Stelle knapp 400 Meter breit und ganz aus Sand gebaut. Sie trennt das Kurische Haff von der Ostsee und ist selbst geteilt: Der südliche Teil gehört zur russischen Exklave Kaliningrad, der nördliche zu Litauen. Das Naturschutzgebiet ist grenzenlos, auch die Unesco hat die komplette Nehrung zum Welterbe erklärt.
Wir schauen uns das Ganze erst mal von oben an. Die Hohe Düne ist die höchste zugängliche Erhebung auf litauischer Seite. Dort steht eine kalendarische Sonnenuhr, offiziell 53 Meter über dem Wasserspiegel. Aber wer weiß, ob das noch stimmt. Vor 40 Jahren soll die Düne noch doppelt so hoch gewesen sein. Der Westwind bläst sie einfach fort. So wie er sie einst erschaffen hat. Doch seit den Aufforstungen und der Aufschüttung von Vordünen im Osten fehlt es an Nachschub. So ist es wohl nur eine Frage der Zeit, wann die Hohe Düne verschwunden ist.
Einer, der die Wanderdüne noch in ihrer ganzen Pracht bewundern durfte, war Thomas Mann. Der Schriftsteller besuchte die Nehrung 1929 das erste Mal und war gleich so begeistert, dass er den Bau eines Sommerhauses auf dem „Schwiegermutterberg” in Auftrag gab. Er schwärmte von der Farbenpracht und den vielen Elchen, verglich die Landschaft mit der Sahara und fühlte sich ans Ende der Welt versetzt. Zwei Sommer lang konnte Mann das alles genießen, dann floh er ins Exil. Während der Nazi-Herrschaft nutzte es Hermann Göring als Jagdhaus, nach dem Krieg verfiel es. Bis es in den 1960er-Jahren gerettet wurde. Heute ist es Kulturzentrum und Museum. Ein Besuch gehört auch für uns zum Pflichtprogramm.
Nicht nur die Dünen haben sich verändert, auch das einstige Nidden hat sich vom Fischerdorf zum Kurort und Touristenmagneten gewandelt. Ein hübsches Holzhaus reiht sich ans andere, die meisten im kräftigen Blau und mit kunstvollem Giebelschmuck. Ein Blickfang sind auch die sogenannten Kurenwimpel. Früher mussten sie am Schiffsmast befestigt werden, nun schmücken sie mit geschnitzten und bemalten Brettern als Windfahnen das Dorf.
Heute weht nur ein laues Lüftchen, die Sonne scheint - beste Bedingungen für eine kleine Schiffsfahrt übers Haff. Jonas steuert den Motorsegler “Lana” gen Süden, Co-Käpt‘n Manfred erläutert auf Deutsch die Route. Er zeigt zur Gleiterdüne, mit über 60 Metern eine der höchsten Dünen Europas. In den 1930er-Jahren übten hier die Segelflieger. Heute steht dort ein Grenzpfosten. Und etwa 300 Meter weiter noch einer. Dort beginnt Russland. Normalerweise, sagt Manfred, sehe man hier russische Patrouillenboote. Wir sehen keins. Vielleicht weil Freitagnachmittag ist, mutmaßt Manfred. Oder die Russen sind einfach nicht so streng wie die Beamten von Nida.
Tag 5 – Der Berg der Kreuze: Kirche? Kunst? Kitsch?
Für die einen ist es ein heiliger Ort, für die anderen einfach nur Kitsch: Über wenige Orte auf dieser Welt gehen die Meinungen so weit auseinander wie beim Berg der Kreuze. In jedem Fall ist es ein besonderer Ort. Und deshalb steht er heute auf unserem Besuchsprogramm.
Reiseleiterin Irina hat uns vorbereitet: Einen Berg werden wir vergeblich suchen. In Litauen, wo die höchste Erhebung gerade mal 294 Meter misst, gilt jeder Hügel als Berg. Der Berg der Kreuze unweit von Siauliai ist nur etwa neun Meter hoch und eigentlich ein Doppelhügel. Aber auf die Höhe kommt es hier gar nicht an. Berühmt ist er wegen seiner Kreuze. Genauer gesagt: wegen der Masse an Kreuzen. Niemand kann sagen, wie viele es sind. Vor reichlich 30 Jahren haben Studenten mal angefangen zu zählen. Bei 7.000 hätten sie aufgegeben, sagt Irina. Laut Infotafel sind es etwa 200.000. Soll erst mal jemand das Gegenteil beweisen.
Jedenfalls kommen jeden Tag neue hinzu. Dafür sorgen schon die Souvenirverkäufer am Parkplatz. Hier kann man kleine hölzerne Kreuze mit Metallstab für fünf Euro erwerben; die größeren kosten 10 oder 15 Euro. Wer etwas auf sich hält, bringt sein eigenes Kreuz mit. Größe, Form, Material - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Manche sind richtige Kunstwerke, andere ganz schlicht. Ja, es muss nicht mal unbedingt ein Kreuz sein. Auch Rosenkränze finden sich zuhauf. Selbst ein Paar kleiner Boxhandschuhe können wir entdecken. Die meisten Kreuze türmen sich aus Platzmangel längst zu eigenen Bergen. Das sieht dann aus wie auf einer Müllhalde.
Ob das im Sinne der Erfinder war, steht auf einem anderen Blatt. Vermutlich wurden die ersten Kreuze nach dem unterdrückten Aufstand gegen das zaristische Russland 1831 errichtet. Später wurde hier auch der Toten der beiden Weltkriege und der Opfer des Stalinismus gedacht. So wuchs die Zahl der Kreuze stetig an, was den Kommunisten in der Sowjetunion gar nicht gefiel. Mehrmals zerstörten sie die Anlage, immer wieder richteten die gläubigen Litauer die Kreuze wieder auf. So wurde der Ort auch zu einem Symbol des Protestes und des Widerstandes. Heute kann jeder kommen - ob zum Trauern, zum Gebet, zum Nachdenken über den Sinn des Lebens.
Irina erzählt, dass viele Familien und Schulklassen den Berg besuchen. „Für die Litauer ist er wie eine Kirche unter freiem Himmel.” Auch für Ausländer ist er ein beliebtes Pilgerziel. Der Polizeichor Detmold hat die Botschaft hinterlassen: „Betet für den Frieden in der Welt”. Ein zweisprachiges Schild aus dem Jahre 2022 richtet die Bitte an den Herrn, „die Ukraine und die Menschen der ganzen Welt” zu retten.
Kirche? Kunst? Kitsch? Auch in unserer Gruppe hat jeder seine eigene Meinung. Nur in einem sind sich alle einig: Wer an diesem Ort innere Einkehr sucht, hat es schwer - trotz oder gerade wegen der Masse an Kreuzen.
Tag 6 – Riga
Nase zu und durch: Wer sich den Rigaer Markthallen vom Fluss Düna nähert, weiß schon lange vor dem Betreten, was ihn hier erwartet: Fisch in vielen Arten und Größen, auf jeden Fall frisch und manchmal sogar noch zappelnd. Die Fischhalle ist eine von fünf Hallen, die zusammen mit den Freiflächen und Kontorgebäuden den größten Markt der lettischen Hauptstadt bilden.
Riga und Handel - das gehört seit der Stadtgründung Anfang des 13. Jahrhunderts untrennbar zusammen. Der Handel hat die Hansestadt groß und reich gemacht, darauf gründete sich später die Industriemetropole. Von diesen Zeiten zeugen die prächtige Altstadt und das faszinierende Jugendstilviertel. Reiseleiterin Irina führt uns über große Plätze und durch schmale Gassen, zum berühmten Schwarzhäupterhaus und zur St. Petrikirche, zu den Bremer Stadtmusikanten (ein Geschenk der Partnerstadt) und zum Parlamentsgebäude. Der Dom ist heute, am Sonntag, geschlossen. Den Besuch heben wir uns für morgen auf.
Stattdessen spazieren wir ausgiebig durch das Jugendstilviertel; es soll das größte in ganz Europa sein und gehört zum Unesco-Welterbe. Wir bewundern die geschmückten Fassaden, die verspielten Ornamente, die ausdrucksstarken Gesichter. Die meisten Gebäude erhielten ihren Glanz erst nach dem Zerfall der Sowjetunion zurück. Auch die Altstadt lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern und wurde inzwischen größtenteils wieder aufgebaut.
Und es wird weitergebaut. Große Pläne verfolgt die Stadt mit den Markthallen. Dort, wo früher Fleisch verkauft wurde, soll eine Sport- und Veranstaltungshalle entstehen. Auch die anderen Hallen werden nach und nach auf Vordermann gebracht, um noch mehr Einheimische und Touristen anzuziehen. Und vielleicht wird irgendwo auch an die Geschichte dieses riesigen Komplexes erinnert: Errichtet wurde er nämlich im Ersten Weltkrieg als Hangar für Zeppeline.
Tag 7 – Gauja-Nationalpark: Die Livländische Schweiz
Wir kennen die Sächsische Schweiz und die Fränkische Schweiz. Und die Schweiz als solche sowieso. Aber wer hat je von der Livländischen Schweiz gehört?
Womit wir schon bei der zweiten großen Unbekannten sind. Livland? Nie gehört! Kein Wunder, denn dieses Land findet man in keinem aktuellen Atlas, sondern nur in Geschichtsbüchern. Es breitete sich im Mittelalter dort aus, wo sich heute Estland und der Großteil von Lettland befinden. Einen kleinen Teil davon, reichlich 900 Quadratkilometer, nimmt der Gauja-Nationalpark ein. Beziehungsweise die Livländische Schweiz. So nannten die Deutschen, die hier bis zum Hitler-Stalin-Pakt 1939/40 in großer Anzahl siedelten, die malerische Landschaft. Heute benutzt man auch gern den Namen Lettische Schweiz. Die Hügel, das enge Tal der Gauja, die rotgelben Sandsteinfelsen – all das weckt Assoziationen. Häuser im Schweizer Stil vervollständigen die Illusion. Und wenn es in Lettland einmal schneit, dann zuallererst hier. Nicht zufällig wurde gerade in Sigulda eine wettkampftaugliche Bobbahn gebaut.
Sigulda (dt. Segewold) ist das Zentrum der Livländischen Schweiz. Wir besichtigen den Park mit seinem neogotischen Schloss und werfen einen Blick auf die Burg, die der Schwertbrüderorden im 13. Jahrhundert errichtete und von der heute nur noch eine Ruine übrig ist. Auf der anderen Seite des Tals steht schon die nächste Burg. Tureida brannte im 18. Jahrhundert zwar nieder, wurde aber seit den 1970er-Jahren größtenteils wieder aufgebaut. Vom fast 40 Meter hohen Turm sehen wir, wie sich die Gauja durch die Wälder windet. Und wir verstehen, warum die Livländische Schweiz das beliebteste Wandergebiet der Letten ist.
Wir sind zwar nicht auf Wanderreise, ein kleines Stückchen wollen aber auch wir die Gegend zu Fuß erkunden. Auf einem Pfad gelangen wir zur Gutmannshöhle. Sie soll die größte Höhle im ganzen Baltikum sein. Dafür erscheint sie uns nun wieder etwas klein: 19 Meter tief, bis zu zehn Meter hoch. Aber eindrucksvoll ist sie doch, nicht zuletzt wegen der Wände, die über und über mit eingravierten Namen und Jahreszahlen bedeckt sind. Schon über 200 Jahren war es offenbar Mode, sich auf diese Weise zu verewigen. Wir lassen das lieber sein.
Tag 8 - Die Ostsee: Und niemand will baden
Endlich! Nach über einer Woche im Baltikum stehen wir nun am Ostseestrand. Das Wasser ist sogar wärmer als die Luft. Trotzdem will niemand baden, ja nicht mal die große Zehe ins Wasser stecken. Vielleicht liegt das daran, dass die Wassertemperatur mit 17 Grad angezeigt wird, die Luft nur mit 15. Oder ist der Regen schuld, der ausgerechnet jetzt über uns niedergeht? So oder so: Es bleibt bei ein paar Erinnerungsfotos - während ein fremdes Pärchen allen Widrigkeiten trotzt und sich in die Wellen stürzt.
Wir haben Estland erreicht, den nördlichsten und kleinsten der drei baltischen Staaten. Er besteht zur Hälfte aus Wald und einem weiteren Viertel aus Sumpf. So bleibt nicht viel Platz für die Esten, die sich dennoch - anders als in den beiden anderen Baltenrepubliken - fleißig vermehren. Auch Pärnu wächst wieder, zurzeit hat die viertgrößte estnische Stadt rund 40.000 Einwohner. Dazu kommt ein Vielfaches an Kur- und Badegästen, vornehmlich aus Estland und Finnland. Pärnu gilt als estnische Sommerhauptstadt und ist bereits seit dem 19. Jahrhundert ein anerkannter Kurort, wo die Leute in Moorbädern ihre Wehwehchen kurieren, beim Strandspaziergang die frische Meeresbrise inhalieren oder einfach ein Bad in der Ostsee nehmen.
Weil uns für das eine die Zeit fehlt und für das andere der Mut, schauen wir uns zumindest die Altstadt von Pärnu an. In Erinnerung bleiben saubere Straßen, hübsche Holzhäuser - und jede Menge steinerne Elefanten. Warum sie hier stehen und gleich in solcher Vielzahl, weiß nicht mal unsere allwissende Reiseleiterin Irina.
Die Grenze von Lettland und Estland haben wir auf der Via Baltica überschritten. Die Straße, die das tschechische Prag mit dem finnländischen Helsinki verbindet, ist fast 1.700 Kilometer lang. Unser Bus folgt ihr bis Tallinn, der Hauptstadt von Estland. Dort bleibt noch Zeit für einen Bummel durch den Kadriorg-Park. Zar Peter I. hatte ihn für seine Frau Katharina I. anlegen lassen, was den deutschen Namen Katharinental erklärt. Mittendrin steht ein Barockschloss, in dem der estnische Präsident residiert. Uns erinnert das ganze Anwesen an den Pillnitzer Schlosspark, der zur gleichen Zeit entstand. Wer hat hier wohl von wem abgeguckt?
Tag 9 - Tallinn & Lahemaa-Nationalpark: Dinner im Herrenhaus
Man schreibt das Jahr 1880. Die Tafel imGutshof Palms ist festlich gedeckt. Die Gäste erwartet ein delikates Menü. Es werden Meeresfrüchte, Fisch und Wildbret gereicht, ebenso Spargel und Sellerie aus den eigenen Gewächshäusern. Auch Luxuswaren wie Wein, Kaffee und Tee dürfen nicht fehlen. Alle wissen: Alexander von Pahlen, der Hausherr, legt Wert auf eine gute Küche. Eingeladen sind Nachbarn und Freunde. Die Gespräche drehen sich um Krieg und Kunst, um Naturwissenschaft und Gutswirtschaft.
146 Jahre später steht die Tafel genauso so da, als ob sie niemals angerührt wurde. Aber der Schein trügt. Das Herrenhaus, der Park und ein Restaurant gehören heute einer Museumsstiftung. Ursprünglich war das Anwesen als Zisterzienserkloster erbaut worden. 1677 ging es in den Besitz der Familie von der Pahlen über. Das Adelsgeschlecht gehörte zu den Deutschbalten – vornehmlich Norddeutsche, die ab dem späten 12. Jahrhundert in das Gebiet des heutigen Estland und Lettland eingewandert waren. Viele von ihnen besaßen große Ländereien und wirtschafteten dort aufgrund der Abgeschiedenheit meist als Selbstversorger. Gegenseitige Besuche waren eine willkommene Abwechslung und wurden entsprechend zelebriert – so wie mit dem Dinner im Gutshof Palms.
Unser Mittagstisch steht etwa 20 Kilometer entfernt in Vihula, ebenfalls ein ehemaliges Landgut und ebenfalls im Nationalpark Lahemaa gelegen. Mit viel Liebe und Geld (auch mit EU-Fördermitteln) wurde es zu einem edlen Hotelresort umgebaut. Alle alten Häuser bekamen neue Funktionen: In der Wäscherei befinden sich jetzt Gästezimmer, in der Schmiede die Sauna und in der Schnapsbrennerei ein Wodka-Museum. Wir speisen im einstigen Eiskeller, der heute als Taverne dient. Zugegeben, der deftige Schweinebraten ist nicht ganz so fürstlich wie das Menü in Palms. Aber wir sind ja auch nur einfache Touristen. Geschmeckt hat es trotzdem.
Tag 10 - Abschied

Wer mag schon gerne früh aufstehen? Also, so gegen 3 Uhr? Uns bleibt nichts anderes übrig, nachdem die Lufthansa den Abflug von Tallinn vom Nachmittag auf den frühen Morgen verlegt hat.
Also Augen zu und noch ein Nickerchen in der Luft. Immerhin: Wir sind bereits am Vormittag wieder zu Hause – und können den Lieben daheim von einer schönen Reise berichten.
Ihr Reiseleiter Steffen Klameth
Fotos & Text von Steffen Klameth

















































