Auch wenn der Besuch bei den Wettermachern mehr Regen als Sonne beschert hat, ist die SZ-Wanderreisegruppe auf der Azoren-Insel São Miguel auf ihre Kosten gekommen. Unsere Touren führten uns durch eine faszinierende Landschaft, vorbei an Fumarolen und heißen Quellen, durch dschungelartigen Wald, entlang einer Levada bis zu einer einmaligen Kraterlandschaft mit imposanten Seen und nicht zuletzt an der Atlantikküste. Begleitet wurde die Gruppe durch Gabriele Fleischer.
Tag 1: Ankunft in Ponta Delgada
Wegen Flug-Verzögerungen kommen wir erst am Abend in Ponta Delgada, der Hauptstadt der zu Portugal gehörenden Azoren-Insel São Miguel, an. Am Ausgang erwartet uns Frank Kuhrüber, der örtliche Reiseleiter - ein Berliner, der seit 35 Jahren auf den Azoren lebt. Er begleitet uns auf der zehnminütigen Busfahrt zum Hotel Talisman in einer Fußgängerstraße. Nach kurzem Zwischenstopp laufen wir wenige Meter zum Restaurant Patanisca. Bei Häppchen wie Käse und frittierten Spezialitäten als Vorspeise sowie Steak mit Ei, Reis, Pommes und Salat lassen wir den ersten Tag ausklingen.
Tag 2: Fahrt zum Kratersee Lagoa das Formas
Fahrer Luciano, der uns während unseres Aufenthaltes chauffiert, bringt uns in einer Dreiviertelstunde zum Wanderstart, vorbei am Terminal für Kreuzfahrtschiffe. Bis zu 200 würden hier inzwischen in Ponta Delgada pro Jahr anlegen, manchmal bis zu drei Schiffe gleichzeitig. Sind die vielen Passagiere in der Stadt unterwegs, kommen die Restaurants schon mal an ihre Kapazitätsgrenzen.
Die Insel selbst ist 64 Kilometer lang und im Durchschnitt 20 Kilometer breit. Mit ihren 750 Quadratkilometern ist sie noch nicht einmal so groß wie Berlin. Auf São Miguel leben rund 130.000 Menschen – auf allen neun Azoren-Inseln sind es insgesamt etwa 230.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Berlin sind es knapp vier Millionen. Allerdings sollen auch noch 100.000 Kühe die Insel bevölkern! Entdeckt wurden die Azoren im 15. Jahrhundert durch portugiesische Seefahrer. Angeblich soll einer von ihnen einen Habicht (azor) gesehen haben, den es wohl bis heute hier nicht gibt, und hat die Inselgruppe danach benannt. Wir fahren vorbei an kleinen Vulkanen, die das Land hier vor 50.000 Jahren geformt haben.
Weiter geht es nach Furnas zu einer Tour um den Kratersee Lagoa das Furnas.Wir kommen an einer am See aufgebauten Kirche aus Sandstein an, die ein Insulaner, nachdem sein Gebet für die Gesundheit seiner Frau erhört worden war, gesponsert hatte. Vom Aussichts-Gipfel Pico do Ferro haben wir einen schönen Blick auf den Ort Furnas mit heißen Quellen und Fumarolen. Schließlich kommen wir an eine Stelle, wo unter Maulwurf ähnlichen Hügeln überall Dampf aufsteigt.
Hier köchelt in einem etwa 1,50 Meter tiefen Loch der Cozido - ein Nationalgericht, bestehend aus Schichten mit Schweine- Rind- und Hühnerfleisch, Paprika- und Blutwurst, verschiedenen Kartoffelsorten, Jamwurzel, Weiß- und Grünkohl sowie Kichererbsen. Mehrere Stunden wird das Gericht gekocht und dann von umliegenden Gaststätten abgeholt. Natürlich kosten auch wir den gehaltvollen Eintopf.
Weiter geht es zum Botanischen Garten Terra Nostra, wo einige in einem von heißen Thermalquellen gespeistem Becken baden. Überall blühen im Park und an den Straßen Azaleen. Im Park selbst sollen zudem über 700 verschiedene Kamelienarten gedeihen, aber auch Hortensien, Zypressen und japanischer Sichelbaum. Zurück geht es an der Nordküste entlang.
Vor dem Abendessen nutzen einige noch den Pool auf dem Hoteldach, von wo man einen schönen Rundumblick auf die Stadt hat.
Tag 3: Von Faial da Terra zum Wasserfall Salto do Prego
Entlang der Südküste begleitet uns den ganzen Tag Regenwetter. Wir erfahren, dass Landwirtschaft (vor allem Viehzucht) und Molkereien, Fischerei für den Eigenbedarf sowie Export von Thunfisch vor allem nach Spanien und Japan sowie Schwertfisch in die USA, und Tourismus die entscheidenden Wirtschaftszweige der Azoren sind.
70 Prozent des Gesamtexports von den Azoren ist Rindfleisch. Der Durchschnittsverdienst der Inselbewohner liegt bei etwa 900 Euro monatlich, sodass mancher Bewohner zwei Beschäftigungen nachgeht. In 200 Jahren sind mehr als drei Millionen Inselbewohner von den Azoren ausgewandert, vor allem in die USA, nach Kanada und Brasilien. Etliche seien aber inzwischen wieder gekommen.
Wir halten kurz in Povoação, wo ein Tor mit den Köpfen von sechs Seefahrern aus Portugal daran erinnert, dass sie hier im 15. Jahrhundert als erste an Land gegangen sind. Die Busfahrt endet in Faial da Terra, wo unsere heutige Wanderung beginnt. Die Wolken hängen tief. Wir laufen durch einen dschungelartigen Wald bis zum Wasserfall Salto do Prego, der ein Becken speist, das wetterbedingt heute nicht zum Baden einlädt.
Weiter geht es nach Sanguiho. Sämtliche Einwohner des Dorfes mit seinerzeit etwa 20 Häusern hatten 1960 ihren Ort Richtung USA verlassen. Seitdem stand es leer und verfiel. 2000 begannen einige Enthusiasten, die Häuser wieder aufzubauen und Ferienhäuser für ökologischen Tourismus einzurichten. Zehn sind es inzwischen. Steil abwärts laufen wir nach Faial da Terra. Auf dem Rückweg halten wir an der Caldeira do Vulcao das Furnas, wo es dampft und brodelt. Überall lässt sich Wasser gegen alle möglichen Krankheiten trinken.
Tag 4: Zur Teefabrik Cha Gorreana und nach Lomba da Maia
Erstes Ziel heute sind Teeplantage und Teefabrik Cha Gorreana. Lange vor dem Tee waren Orangen die größte Einnahmequelle für die Insulaner, bis im 19. Jahrhundert Schädlinge die Pflanzen zerstörten. Auf der Suche nach Alternativen wurde der Anbau von Tee entdeckt. Heute gibt es auf Sao Miguel die einzigen zwei Teeplantagen in Europa.
Seit 1880 wird in Gorreana Tee angebaut. Noch 1920 gab es 62 Teefabriken, bis sie durch billigere Importe nach und nach eingingen. Inzwischen ist die Plantage zu einem Touristenhotspot geworden. Wir begutachten die Blätter einer Kamelienart, die Grundlage für die Teeproduktion sind. In der Fabrik sehen wir Trocken- und Rollmaschinen, von denen einige noch aus der Anfangszeit um 1880 stammen. 16 bis 18 Stunden dauert es, bis der Tee fertig ist.
Von der Fabrik fahren wir nach Lomba da Maia, wo die etwa sieben Kilometer lange Wander-Tour startet. Vorbei an alten Gemäuern aufgegebener Wassermühlen, über schmale Wege und mit einem Sprung über einen Bach geht es Richtung Atlantikküste. Durch den Regen sind die Steine glatt und der Lehmboden rutschig. Stürze gehen bis auf einen verstauchten Fuß glimpflich ab. Nach vier Stunden sind wir in Maia angekommen. Bei der Rücktour machen wir noch einen kurzen Stopp an einem Aussichtspunkt, ehe es zurück nach Ponta Delgada geht.
Tag 5: Freizeittag zwischen Walbeobachtung und Tour an der Uferpromenade
Heute starten zehn Teilnehmer der Gruppe mit einem Boot zur Walbeobachtung. Am Abfahrts-Pier angekommen, erhalten sie Bordkarten. Nach einer kurzen Einweisung stechen sie in See. Bei kühlem Wind und Regen werden Delphine und ein Blauwal gesichtet. Die restlichen Reisenden aus der Gruppe erkunden die Stadt und laufen die Promenade entlang. Von einer ehemaligen Bastion hat man einen schönen Blick auf den Atlantik und die Stadt. Am Nachmittag ist noch Zeit für weitere Besichtigungen, unter anderem von zwei sehenswerten Botanische Gärten.
Tag 6: Levada-Wanderung an der Südküste bis zum Kratersee Lagoa do Fogo
Unsere heutige Tour führt uns etwa zwölf Kilometer entlang einer Levada mit Ausblicken auf die Südküste Sao Miguels zum Kratersee Lagoa do Fogo, der als Trinkwasserreservoir genutzt wird. Ein starker Wind pustet uns am Kraterrand in 610 Meter Höhe entgegen. Im Schutz von Büschen ist unterhalb des Pico Barrosa (mit 947 Meter zweithöchster Berg der Insel) Picknick-Zeit.
Dann marschieren wir mit Blick zum Atlantik wieder hinab. Nach etwa vier Stunden (Pause inklusive) sind wir an einer Straße, wo wir den Bus erreichen. Weiter geht es zu einem Café direkt am Atlantik, wo wir vor der Rückfahrt noch die Sonnenstrahlen genießen.
Tag 7: Tour durch die Region Sete Cidades
Auch bei der letzten Wanderung öffnet der Himmel seine Schleusen. Auf der Fahrt in den Westen und zur Nordküste geht es am Flughafen vorbei. Der örtliche Reiseleiter erklärt, was TAP (portugiesische Fluggesellschaft) im Volksmund heißt: Take Another Plane, also: Nimm ein anderes Flugzeug. Wir hoffen nicht, dass es notwendig wird. Wir erreichen nach etwa 28 Kilometer Busfahrt in 550 Meter Höhe eine einmalige Kraterlandschaft: Über 230 Krater sollen es sein. Oben am Startpunkt der angesichts des Wetters verkürzten Tour steht ein in den 1980er Jahren entstandenes und nur kurz genutztes Luxushotel - inzwischen ein Lost Place. Eine chinesische Gesellschaft soll es vor einiger Zeit gekauft haben.
Sete Cidades nennt sich unsere heutige Wanderregion. Wir laufen oberhalb eines Kraters mit Blick auf den zweigeteilten Lagoa das Sete Cidades, den blauen Lagoa Azul und den grünen Lagoa Verde, die durch eine Brücke getrennt sind. Zum Glück reißen immer mal wieder die Wolken auf, denn die Aussicht lohnt sich hier ganz besonders. Die höchste Stelle der Kraterlandschaft ist der Pico das Éguas (873 m). Wir laufen Auf und Ab und das letzte Stück eine sehr steile Straße hinab zum See. Von dort geht es mit dem Bus weiter zu einem Aussichtspunkt mit Blick auf das Fischerdorf Mosteiros – wegen der schönen Strände ein beliebter Touristenort - mit im Meer vorgelagerten Felsblöcken, die Ähnlichkeit mit einer Kirche, einem knienden und einem stehenden betenden Mönch haben, heißt es.
Weiter fahren wir durch eine Landschaft (Bretanha), die im 16. Jahrhundert durch bretonische Siedler urbar gemacht wurde. In Capelas zeigt uns Reiseleiter Frank ein Privatmuseum, in dem einiges über das einstige Leben auf den Azoren zu erfahren ist (3 Euro Eintritt pro Person). Es ist ein Sammelsurium an Utensilien. Die betagten Betreiber, die die Sachen von überallher bekommen und dafür ihr Haus erweitert haben, wollen es irgendwann dem Staat übereignen. Wer sich für alte Klamotten und Kitsch interessiert, wird dort eine Fundgrube entdecken.
22. April: Abschied von der Insel São Miguel
Noch einmal laufen wir nach dem Frühstück durch die Fußgängerstraße von unserem Hotel zum Bus, der uns in 15 Minuten zum Flughafen bringt. Hier verabschieden wir uns vom örtlichen Reiseleiter. Bei der Abfertigung und bei der Sicherheitskontrolle funktioniert alles ohne längere Wartezeiten. Auch das voll besetzte Flugzeug hebt fast pünktlich ab. Eine interessante Wanderreise, die trotz des Regens viel zu bieten hatte, geht zu Ende.
Text und Fotos von Gabriele Fleischer
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